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Patrick Angus – Private Show im Kunstmuseum Stuttgart

Bars in schummriges Licht getaucht. Junge, nackte Männer in weißen Tennissocken, die sich älteren Anzugträgern präsentieren: Patrick Angus (1953-1992) gilt als Chronist der New Yorker Schwulenszene der 70er und 80er Jahre. Zu Lebzeiten musste er sich Kritik und Pornografie-Vorwürfen aussetzen, dabei dokumentieren seine Gemälde und Zeichnungen menschliche Sehnsüchte, Ängste, geschlechtliche Selbstfindung und eine Suche nach Identität. Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt in der Ausstellung „Patick Angus – Private Show“ auf drei Etagen rund 160 Werke des kalifornischen Künstlers, dessen  neo-expressive Malerei mit kraftvollen Farben, Szenen in einem rauen Realismus zeigt. Noch bis zum 08. April kannst du die nicht ganz alltägliche Ausstellung besuchen.

Die Ausstellung

Ausschnitt Ausstellungsplakat „Patrick Angus – Privat Show“, Kunstmuseum Stuttgart

Der Ausstellungstitel „Private Show“ ist eine Anspielung an die typische Frage „Would you like a privat show?“, die dem Kunden nach einem erotischen Tanz auf der Bühne gestellt wird. Das Kunstmuseum zeigt zum ersten Mal eine große Schau zu Patrick Angus, der in Deutschland eher unbekannt ist. Obwohl er bereits mit 38 Jahren an einer HIV-Infektion starb, hat er zahlreiche Werke hinterlassen. Die Retrospektive präsentiert einen Querschnitt seines Schaffens und gliedert sein Werk nach Schwerpunkten: Von Landschaftsmalerei über Porträts bis hin zu Interieur– und Genredarstellungen, man kann fast schon von „Milieu-Studien“ sprechen.

Ausblicke, Spiegel und Perspektiven: Angus als Porträtist

Das Porträt nimmt einen großen Stellenwert in Patrick Angus Schaffen ein. Gleich mehrere Räume in der unteren Etage der Ausstellung widmen sich diesem Thema. In seinen Selbstporträts zeigt sich der Künstler als junger Mann, häufig ernst mit festem Blick, aber auch unsicher. Dir fallen dabei sicherlich die expressiven Farben, aber auch sein handwerkliches Können auf. Angus porträtierte seine Eltern, Freunde und Bekannte und erinnert dabei an den britischen Künstler David Hockney – sein großes Vorbild. Auffällig ist, dass Angus die Porträtierten am liebsten in Innenräumen zeigt, oft mit interessanten Perspektiven. In vielen Gemälden und Zeichnungen entdeckst du Fenster mit Ausblick, doch die Außenwelt scheint weit weg zu sein. In einzelnen Werken spiegeln sich die Dargestellten in Spiegeln und anderen Flächen wider.

Blockartige stille Landschaften

Eine Etage höher kannst du Patrick Angus Stadtansichten und Landschaften sehen. Dabei reduziert er die Gebäude zu abstrakten Flächen und Blöcken. Für manche Darstellungen verwendete der Künstler collagierte Fotovorlagen, die du in der unteren Etage in einer Vitrine finden kannst. Die Stadtansichten wirken irgendwie leer, reduziert und still. Manchmal fühlte es sich melancholisch an, denn selbst wenn Angus Menschen im Stadtpark zeigt, scheinen sie nicht wirklich miteinander zu kommunizieren. Da kommt einem schnell der amerikanische Künstler Edward Hopper in den Sinn, dessen Werke als Vorbild gedient haben könnte.

Eine Hommage an die Kunstgeschichte

Patrick Angus spielt in einigen Bleistiftzeichnungen an berühmte Werke der Kunstgeschichte an. In Édouard Manets bekanntem Werk „Frühstück im Freien“ (1863) picknicken zwei angekleidete Männer mit einer nackten Frau. Im Hintergrund steigt eine zweite Dame aus dem Wasser. Angus greift die Darstellung auf, wandelt sie aber in seinem Interesse um und zeigt die Männer nackt. Ihm geht es hier und auch in seinen anderen Werken um das Sichtbarmachen der sexuellen Identität und den Einblick in die Homosexualität. Dabei wertet er nicht, sondern stellt sie einfach nur dar. Humor beweist Angus nicht nur in seiner Umsetzung des „Frühstück im Freien“, sondern auch mit seiner „Adam and Steve“-Darstellung. Die Anspielung auf Adam und Eva, einem großen Thema der Kunstgeschichte, zeigt er mit zwei Männern als erstes Menschenpaar. Pablo Picassos „Guernica“ diente Angus ebenfalls als Vorbild. Dieses konnte er im MOMA (New York) sehen. Er imitiert den Kubismus und schafft seine eigene Version: „Moma Angus Picasso“.

Die wirkliche Private Show

Wenn du in die 3. Etage kommst, wird dir gleich das schummrige Licht auffallen, das eine perfekte Atomsphäre für die Szenen des Nachtlebens schafft. Hier stellt Angus die Homosexualität offen dar und dokumentiert typische Szenen in Badehäusern, Sexkinos, Bars und Striplokalen. Da in den 1980er Jahren das Fotografieren in solchen Etablissements in New York nicht erlaubt war, wusste man bis dahin recht wenig über die Schwulenszene. Angus beschönigt die Szenen nicht, er stellt die Männer auch nicht durchtrainiert, schön und kräftig dar, sondern in einem rauen Realismus. Er scheut sich auch nicht davor die Männer „in Aktion“ zu zeigen, wie sie sich in dunklen Ecken berühren oder Oralverkehr ausüben. Ich finde, die Szenen wirken oft trist und trostlos. Die Zuschauer, die den nackten Männer beim Tanzen zuschauen, sehen häufig gelangweilt aus. Man sieht ihnen an, dass sie ihre wahre Sexualität nur im Geheimen ausleben dürfen. Vielleicht sind sie deswegen so zurückhaltend.
In dieser Etage löst sich auch die Frage, warum die Tänzer weiße Tennissocken tragen: Darin wurde das Geld gesteckt.

Fazit

Patrick Angus – Private Show“ fühlt sich wirklich an, wie eine private Show. Du siehst in dieser Ausstellung intime Szenen. Aber keine Angst – peinlich berührt fühlt sich hier niemand. Es ist eine Dokumentation, manchmal scheint diese kalt, ohne Gefühl und Wertung zu sein. Spannend ist, dass Angus die Genre der klassischen Malerei bedient (Porträt, Landschaftmalerei, Genredarstellungen), diese aber auf seine Weise verarbeitet. Einige Gemälde erinnern an Werke seines großen Vorbilds David Hockney. Dieser erwarb zu Angus Lebzeiten sechs Werke von diesem, die auch in Stuttgart zu sehen sind. Eine große Ehre für Angus.

Wie aktuell das Thema Homosexualität und seine Tabuisierung noch heute ist wird anhand der Ausstellung deutlich. Denn selbst in unserer aufgeklärten Zeit gibt es Debatten, ob Angus Werk jugendgefährdend sein könnte. Ich selbst kann die Debatten nicht nachvollziehen, denn Darstellungen nackter Frauen im Museum findet niemand anstößig. Angus hatte stets mit Kritik und Pornografie-Vorwürfen zu kämpfen. Bei einer Ausstellung 1992 in Santa Barbara wurden sogar Sichtschutzwände aufgestellt, die seine Darstellungen vor den Blicken der Besucher verstecken sollten.
Die Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart ist sinnvoll in Schwerpunkte gegliedert, sodass man langsam auf die Darstellungen in der 3. Etage vorbereitet wird. 🙂 Eine durchaus empfehlenswerte Ausstellung!

Alle Infos zur Ausstellung findest du hier.

Eintritt: inkl. Sammlung: 11 € / ermäßigt 8 €