BlogSpaziergänge

Entdeckungen rund um den Stuttgarter Schlossplatz

Es ist ein Phänomen: Durch fremde Städte läuft man aufmerksam, ständig den Kopf nach oben gerichtet und bereit besondere Architekturelemente zu entdecken. In der Heimatstadt sieht es da doch ganz anders aus, selten hat man im Alltag Zeit seinen Blick nach links oder rechts zu wenden. Vor allem der Stuttgarter Schlossplatz hat mehr geschichtlich interessante Gebäude zu bieten, als du vielleicht denkst.

Ganz großes Kino: Vom alten Bahnhof zum Metropol

Fragment der Torfassade des alten Centralbahnhof Stuttgarts, Innenstadt Kinos Metropol, Bolzstraße.

Zugegeben. Das Metropol-Kino liegt nicht direkt am Schlossplatz, aber es ist eines meiner liebsten Beispiele für alte, verbaute Gebäudefassaden in Stuttgart. Früher war der Ort in der heutigen Bolzstraße (früher Schlossstraße) Dreh- und Angelpunkt für Reisende nach Stuttgart: Denn wo sich heute das Metropol befindet, war einst Stuttgarts Centralbahnhof zu finden. Der Erbauer Karl von Etzel (1812-1856) meisterte die Herausforderung den viergleisigen Kopfbahnhof mit seinem schönen Portal in die bereits bestehenden Häuser einzugliedern. Die Dachkonstruktion bestand damals aus Holz.
Eröffnet wurde der Centralbahnhof  am 12. September 1846, dem 65. Geburtstag König Wilhelms I. (1816-1864 ). Nachdem die Zahl der Bahnreisenden sich schnell gegrößerte und immer mehr Züge fuhren, wurde der Bahnhof zu klein. Georg Morlok (1815-1896), württembergischer Architekt und Eisenbahningenieur, erweiterte deshalb in den 1860er Jahren das Gebäude um vier weitere Gleise.

Stuttgart Hauptbahnhof, Postkarte von 1930

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts reichte der Platz nun wirklich nicht mehr aus und man entschloss sich 1911 für einen Neubau unter Paul Bonatz (1877-1956) – den heutigen Hauptbahnhof Stuttgart am Kopf der Königsstraße. 1922 wurde der Centralbahnhof in der damaligen Schlossstraße endgültig geschlossen und schließlich abgerissen.  Einige Bauteile wurden gerettet und „wiederbelebt“: Der Heimatforscher Anton Gall hat 1926 eines der Tore (das sogenannte „Antoniustor„) in die Stadtmauer Weil der Stadt einbauen lassen. Der große Eingangsbereich des alten Bahnhofs wurde außerdem in den Gebäudekomplex des heutigen Metropol eingebaut und ist noch gut zu erkennen.

Bilder und Infos zum alten Bahnhof, findest du auf der Website der stuttgarter-zeitung.

 

Der Königsbau Stuttgart

Königsbau Stuttgart, heute
Königsbau Stuttgart, Postkarte von 1909

 

 

 

 

 

 

 

Das heutige Shopping Center Königsbau Passagen ist vielleicht das auffälligste Gebäude am Stuttgarter Schlossplatz, direkt gegenüber des Neuen Schlosses. Er wurde im Auftrag von König Wilhelm I. zwischen 1856 und 1860 im spätklassizistischen Stil erbaut. Schon damals sollte das Gebäude als Geschäftshaus dienen, aber auch Konzert- und Ballhaus sein. Die Kolonnade besteht aus 34 Säulen und ist insgesamt 135 Meter lang. Wie leider viele historische Gebäude Stuttgarts wurde auch der Königsbau im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und ab 1958 wieder aufgebaut. Bevor das Shopping Center eröffnete, war der Bau Sitz der Stuttgarter Börse (1991-2002).

 

Königin-Olga-Bau

Königin-Olga Bau am Stuttgarter Schlossplatz

Das Gebäude, in welchem sich heute Carls Brauhaus befindet, wurde bereits 1893 erbaut. Es beherbergte im frühen 20. Jahrhundert u.a. ein Café und eine Konditorei. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bau stark beschädigt und man beauftragte den umstrittenen Architekten Paul Schmitthenner (1884-1972), der aufgrund seiner Nähe zum Nationalsozialismus seinen Stuttgarter Lehrstuhl verlor. Er errichtete an der Stelle des zerstörten Königin-Olga-Bau für eine Bank ein Gebäudekomplex in historischer Form. Schmitthenner verwendete für die Fassade Muschelkalk und Sandstein. Der Entwurf ist für die Nachkriegszeit eher unzeitgemäß.

Bilder und Infos zum Königin-Olga Bau findest du hier: http://www.landeskunde-baden-wuerttemberg.de/7869.html.

 

Das Kunstgebäude am Schlossplatz – Württembergischer Kunstverein

Kunstgebäude des Stuttgarter Künstlerbunds heute

Im frühen 20. Jahrhundert gab es neben der Königlichen Galerie (heutige Staatsgalerie) wenig Ausstellungsräume in Stuttgart. Auch der Stuttgarter Kunstverein, gegründet 1827, hatte keinen ausreichenden Platz um Kunstwerke auszustellen. 1907 wurde deshalb eine Petition an den König gerichtet und um ein Ausstellungsgebäude auf dem Schlossplatz gebeten. An der Stelle an der das 1902 abgebrannte Hoftheater stand, sollte ein Gebäude richtet werden, in dem die Städtische Galerie, der Kunstverein und der Künstlerbund Platz finden. 1913 war es soweit und das neue Kunstgebäude am Schlossplatz wurde feierlich eingeweiht.

 

Neues Hoftheater am Schlossplatz, Postkarte von 1913. Das Hoftheater stand an der Stelle, an der heute der Künstlerbund untergebracht ist

Heute erkennt man das Gebäude an seiner Kuppel mit dem goldenen Hirsch des Bildhauers Ludwig Habich (1872-1949). Beim Bau wurden acht wunderbare Reliefmedaillons über den sechs Säulen und den zwei Eckpfeilern des Säulengangs angebracht, die Szenen aus Werken schwäbischer Dichter zeigten. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Fassade zerstört und nur zwei der Medaillons wiederhergestellt. Sie wurden an die linke Seitenfassade bzw. an die Wand des Säulengangs versetzt.

Ein Fragment des Treppenaufgangs des Hoftheaters kannst du übrigens im Stuttgarter Schlossgarten finden. Dieses wurde 1904 dorthin versetzt.

Infos zum Gebäude und zum Stuttgarter Künstlerbund findest du hier: https://www.kuenstlerbund-stuttgart.de/index.php

 

Fazit

Es lohnt sich mit offenen Augen durch Stuttgart zu laufen und die Gebäude, an welchen man täglich vorbeigeht  genauer zu betrachten. Auch wenn die Innenstadt Stuttgarts sehr unter den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs litt, wurden doch einige Gebäude wieder aufgebaut oder Fassaden und Fragmente in andere Gebäude integriert bzw. an anderen Orten wieder neu errichtet.

Die vier oben beschriebenen Gebäude sind nur ein kleiner Auszug von Entdeckungen rund um den Schlossplatz. Also Augen auf! 🙂