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Kleider machen Leute – Wiederaufnahme von „Ariodante“, Oper Stuttgart

Erlebt habe ich die Oper „Ariodante“ von Georg Friedrich Händel in der Spielzeit 2016/17  – am 17. Dezember kehrt sie für einige Vorstellungen zurück auf die Stuttgarter Bühne. Zeit, das Stück nochmal Revue passieren zu lassen.

Hintergrund zu „Ariodante“

1735 komponierte Georg Friedrich Händel die Oper „Ariodante“, also vor über 280 Jahren. Wichtiger Bestandteil der Handlung ist das sogenannte Schottische Gesetz. Dieses besagt, dass eine Frau, die Ehebruch begangen oder außerhalb der Ehe Geschlechtsverkehr hat, hingerichtet werden darf.  Nur eines kann sie dann noch retten: Ein Mann, der bereit ist, gegen den Ankläger auf Leben und Tod zu kämpfen. Wenn er gewinnt, ist die Ehre der Frau wieder hergestellt. Händel bezieht sich außerdem auf das 1516 entstandene Versepos „Der rasende Roland“ von Ludovico Ariosto – eines der erfolgreichsten Bücher der Renaissance. Die Handlungsführung folgt eng einem von Antonio Salvi 1708 verfassten Libretto.

Neu an Händels Umsetzung ist, dass sie gegen die damaligen Konventionen verstößt. Sein Stück beginnt mit einer unbeschwerten Hochzeit, die nicht wie gewohnt als „Happy End“ inszeniert wird. Die Oper zeigt eine Reihe von Verwandlungen und Verkleidungen. Die Besetzungsliste der Uraufführung zeigt, dass für die Hauptfigur (Ariodante) ein Kastrat und für die Rolle des Gegenspielers (Polinesso) eine Sängerin vorgesehen war. In der Stuttgarter Inszenierung ist es umgekehrt: Ariodante wird von einer Frau gesungen, während Polinesso von einem Mann verkörpert wird.

1926 wurde „Ariodante“ an der Stuttgarter Oper uraufgeführt. Das damalige Bühnenbild wurde von Willi Baumeister entworfen.

TIPP:  Um noch mehr Hintergrundinfos zu bekommen, besuche am besten die Stück-Einführung. Diese findet immer 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt. Falls du nicht früher in der Oper sein kannst oder möchtest, gibt es die Möglichkeit die Einführung herunterzuladen: https://www.oper-stuttgart.de/spielplan/ariodante/

Handlung der Oper

Auszug aus Programmheft „Ariodante“ der Oper Stuttgart, Spielzeit 2016/17, Diana Haller als Ariodante

Ginevra (Sopran), Prinzessin von Schottland ist Ariodante (Mezzosopran) versprochen. Ariodante, ein junger italienischer Ritter, der im schottischen Heer diente, wird somit der amtierende Thronfolger. Doch auch Polinesso (Altus) hat ein Auge auf Ginevra geworfen. Seine Annäherungsversuch weißt die Prinzessin strikt zurück. Der gekränkte Polinesso möchte sich an ihr rächen. Deshalb bittet er die Hofdame Dalinda (Sopran) sich als Ginevra zu verkleiden und ihn zu empfangen. Angeblich möchte er die Verkleidete beschimpfen und somit über die Prinzessin hinwegkommen. Dalinda, die in Polinesso verliebt ist, will ihm den Gefallen gewähren. Er sieht darin eine Chance für eine durchtriebene Intrige. Vor Ariodante behauptet der Zurückgewiesene, dass Ginevra mit ihm geschlafen hätte. Nun nimmt das Unheil seinen Lauf: Das vermeintliche Treffen von „Ginevra“ und Polinesso wird von Ariodante und dessen Bruder Lurcanio (Tenor), der wiederum in Dalinda verliebt ist, beobachtet. Schnell ist ihnen klar: Ginevra ist untreu. Niedergeschlagen und verzweifelt möchte sich Ariodante ins Meer stürzen. Zunächst scheint es für die Akteure, als hätte er es wirklich getan.

Der Höfling Odoardo (Tenor) überbringt Ginevras Vater, dem König von Schottland, die schlechte Nachricht: Ariodante habe sich umgebracht. Lurcanio reagiert mit einer öffentlichen Anklage gegen Ginevra und bezichtigt sie der Untreue. Für ihn ist klar, dass sie die Schuld am Selbstmord seines Bruders trägt. Laut schottischem Gesetz bedeutet diese Anklage, dass Ginevra hingerichtet wird. Ihr bleibt nur eine Chance – es muss sich ein Verteidiger ihrer Ehre finden, der gegen Lurcanio kämpft. Dieser Verteidiger findet sich überraschenderweise in Polinesso, der hofft, auf diese Weise doch noch Ginevra und den Thron von Schottland zubekommen. Die am Boden zerstörte Ginevra wird eingesperrt.

Ariodante hat den Selbstmordversuch überlebt. Er trifft auf Dalinda, die ihm alles gesteht und von Ginevras Unschuld und Polinesso Intrige berichtet.
Währenddessen lehnt Ginevra Polinessos Plan gegen Lurcanio zu kämpfen ab, ihr Vater besteht jedoch darauf. Es kommt zum Showdown: Lurcanio erschlägt Polinesso im Kampf. Nun will der König die Zukunft seiner Tochter retten und selbst in den Ring steigen. Dazu kommt es aber nicht, denn der totgeglaubte Ariodante kehrt auf die Bühne zurück und spricht Ginevra von ihrer Schuld frei. Sie wird aus ihrem Gefängnis befreit und Dalinda erkennt Lurcanios Liebe.

 

Highlights der Inszinierung

Sichtbare Theatersituation: In dieser Inszenierung sind Kulissen als Kulissen erkennbar. So passiert es, dass neben den Darstellern auch Bühnentechniker und Ankleiderinnen die Bühne betreten. Sie sind bei Opernaufführungen stets ein wichtiger Teil und arbeiten im Hintergrund – in „Ariodante“ werden sie sichtbar gemacht.

Wandelbar: Die einzelnen Rollen sind flexibel und die Dargestellten wandeln stetig ihre Persönlichkeiten. Ist Ginervra zu Beginn ein verliebtes Mädchen, verwandelt sie sich bei der Abweisung Polinessos in eine arrogante Prinzessin. Die Figuren werden also von verschiedenen Affekten eingenommen, oft erkennt man nur an der Stimme, dass es sich um dieselbe Figur handelt. Es werden verschiedene Persönlichkeiten ausprobiert und kurz darauf wieder verworfen. Auch dadurch wird die Theatersituation erkennbar, handelt es sich bei den Figuren doch eigentlich um Schauspieler/Sänger, die sich immer wieder in neue Rollen einfinden. Man könnte es auch so beschreiben: Niemand im Showgeschäft zeigt sein wahres Gesicht.

Sportlich: Die Regisseure lassen die Figuren wie Gladiatoren ins Opernhaus einziehen. Das Stück ist eine einzige Show und ein Kampf um Aufmerksamkeit. Als persönliches Highlight empfinde ich den Kampf zwischen Lucarnio und Polinesso, denn hierfür wird eigens ein Boxring aufgebaut, in welchem sich die beiden duellieren, ja regelrecht Wrestling betreiben.

TIPP: Auch wenn die Oper „Ariodante“ häufig als eine der leichter zugänglichen Opern Händels gehandelt wird, kann es als Operneinsteiger passieren, dass du mit der langen Arie von Ariodante nicht zurecht kommst oder die Musik von Händel schlichtweg nicht dein Fall ist – muss es aber natürlich nicht 😉 . Deshalb informiere dich am besten vorab über die Handlung oder nutze diesen kurzen Film von der Oper Stuttgart um einen musikalischen Einblick zu bekommen. Ich finde, es lohnt sich außerdem das Programmheft mit vielen Infos rund um Ariodante, den Vorbildern des Stücks und dem Theater im 18. Jahrhundert zu kaufen. Eine super Chance noch mehr zur Produktion zu erfahren: Am 24.02.18 findet ein Nach(t)gespräch zu „Ariodante“ statt: Die Regisseure, Dramaturgen, Sänger und Dirigenten beantworten Fragen der Zuschauer.

 

Fazit

Ariodante“ ist vor allem (aber nicht nur) für Fans barocker Opern-Musik zu empfehlen, die sich gerne auf eine moderne Umsetzung einlassen. Neben der bemerkenswerten schauspielerischen und gesanglichen Leistung, ist die Inszenierung der Darsteller als wandelbare Persönlichkeiten, die ihr wahres Ich nie preisgeben zu scheinen, hervorzuheben. Die Theatersituation wird hier erlebbar, auch was hinter den Kulissen passiert, wird sichtbar. Das Highlight ist der Kampf zwischen Lucarnio und Polinesso, der in einem Boxring ausgetragen wird.

 

Infos

Komponist: Georg Friedrich Händel
in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Dauer: 1. Teil: ca. 1 Std. 35 Min. Pause: ca. 25-30 Min, 2. Teil: ca. 1 Std. 35 Min.

Termine, Infos und Kartenhttps://www.oper-stuttgart.de/spielplan/ariodante/

Besetzung Dez 2017 – Mär 2018:
Musikalische Leitung: Giuliano Carella
Regie und Dramaturgie: Jossi WielerSergio Morabito
Bühne und Kostüme: Nina von Mechow
Beleuchtungs- und Videokonzept: Voxi Bärenklau

König: Matthew Brook
Ginevra: Ana Durlovski
Dalinda: Lauryna BendziunaiteJosefin Feiler
Ariodante: Diana Haller
Lurcanio: Kai Kluge
Polinesso: Gerald Thompson
Odoardo: Philipp Nicklaus
Mit: Staatsorchester Stuttgart

Oper Stuttgart